Wenn nichts mehr geht - Sorgen kann man teilen

„Hätten Sie mal Zeit für mich?“ oder „kann man bei Ihnen über alles reden?“, auch mit „mir geht’s heute so schlecht…, oder  „ich weiß nicht mehr weiter…“, beginnen Frauen und Männer ihren Anruf bei der TelefonSeelsorge Untermain oder der TelefonSeelsorge Würzburg-Main-Rhön. Die Anrufenden nennen keinen Namen. Die Telefonnummer ist nicht sichtbar.

Am anderen Ende der Leitung sitzt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin oder ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, einer der beiden TelefonSeelsorge-Stellen. Sie lassen die Anrufenden von ihren Problemen erzählen und nehmen sie und deren Situation an, wie sie gerade ist. Dies erleben viele als große Wertschätzung. Sprechen zu dürfen, dabei angenommen zu sein und nicht beurteilt zu werden, ist für viele eine große Erleichterung. “Was können Sie jetzt tun, damit es Ihnen (etwas) besser geht“, fragen die Mitarbeitenden weiter. So lernen Anrufende, dass sie etwas für sich tun können. Das mag die Aussicht auf ein klärendes Gespräch sein, aber auch etwas zu essen und zu trinken, ein Gedicht zu lesen oder Musik zu hören. Vielfältig sind die Ressourcen der Anrufenden. Sie zu aktivieren, ist eine wichtige seelsorgliche Aufgabe. Die Mitarbeitenden verweisen auch auf Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen.

Manchmal bitten Anrufende um ein Gebet oder die Mitarbeitenden bieten dies an. In ein besonders gestaltetes Buch schreiben sie die Bitte nach einem Gebet. Andere Mitarbeitende lesen dies und schließen die Anrufenden in ihr Gebet ein. Das ist unsere Form des Fürbittgebets. So tragen wir Anrufende auch geistlich.

Die ehrenamtlichen Frauen und Männer werden vor der Arbeit am Telefon ein Jahr mit 150 Stunden ausgebildet. Danach verpflichten sie sich zu mindestens drei Jahren Mitarbeit in Tag- und Nachtschichten. Sie übernehmen selbständig und verantwortlich die Seelsorge der Anrufenden. Dabei werden sie von regelmäßigen Supervisionen und Fortbildungen begleitet. Die qualifizierte Ausbildung, Supervision und Fortbildung, erleben die Mitarbeitenden als große Wertschätzung ihrer Arbeit. Zur Wertschätzung gehören auch transparente Mitsprache-und Entscheidungsrechte für Ehrenamtliche bei Belangen der Arbeit am Telefon.

„Die Arbeit bei der TelefonSeelsorge bereichert mein Leben. Ich lerne mich selbst zu schätzen und gehe ganz anders mit meiner Familie, meinen Freunden und Arbeitskollegen um“, so lautet ein häufiges Fazit der Mitarbeitenden. In den beiden TelefonSeelsorge-Stellen der Diözese Würzburg arbeiteten im Jahr 2014 insgesamt 156 Frauen und Männer ehrenamtlich bei Tag und Nacht, an allen Tagen im Jahr, ob Werk-, Sonn- oder Feiertag.

32.295 Anrufe im Jahr 2014 haben die beiden TelefonSeelsorge-Stellen angenommen, das sind im Durchschnitt täglich 88 Anrufe. Mädchen und Frauen, Jungen und Männer, von 5 bis über 80 Jahre alt, sprechen über ihre Sorgen am Telefon (z.B. Einsamkeit, Krankheiten, Todesfälle, Pflege von Angehörigen, Suchterkrankung). Auch Menschen in einer Krise rufen an (z.B. bei Trennungen, Depressionen, Ängste) und einige von ihnen denken daran, sich das Leben zu nehmen. Darüber sprechen zu können, verringert oft den Impuls sich zu töten. In den letzten zehn Jahren rufen zunehmend psychisch erkrankte Menschen an, die wir stabilisieren. So macht TelefonSeelsorge täglich Suizidprofilaxe oder wie eine Mitarbeiterin sagte: „Viele von ihnen würden nicht mehr leben, wenn es uns nicht gäbe.“

Die beiden TelefonSeelsorge-Stellen in der Diözese Würzburg sind verbunden mit 13 weiteren Stellen in Bayern und sind vertreten im Bundesverband der 105 TelefonSeelsorge-Stellen in Deutschland. Alle arbeiten in der Ausbildung, Supervision und Stellenausstattung nach einheitlichen Standards.

Die beiden Stellen werden von der katholischen und evangelischen Kirche gemeinsam getragen. Katholische und evangelische Christen arbeiten eng zusammen: in der Gemeinschaft der Mitarbeitenden, auf Leitungs- und Trägerebene.

 Im Juli 2016 feiert die Telefonseelsorge in Deutschland ihr 60 jähriges Jubiläum. Sie feiert dabei 60 Jahre Engagement vieler ehrenamtlich Mitarbeitender, das Vertrauen der Anrufenden in dieser Zeit und 60 Jahre gelungene Ökumene.

Christiane Knobling

Pastoralreferentin, Stellvertr. Diözesanbeauftragte der Diözese Würzburg für TelefonSeelsorge und Offene Tür, Leiterin der Ökumenischen TelefonSeelsorge Untermain

Ökumenische TelefonSeelsorge Würzburg –Main-Rhön: www.telefonseelsorge-wuerzburg.de Ökumenische TelefonSeelsorge Untermain: www.ts-untermain.de

Veröffentlicht im Themenheft der Hauptabteilung Seelsorge. Bistum Würzburg. heute.glauben.leben, Mai 2015/Heft 8, S. 46